Fahrtreppe

Geschrieben von Gert Podszun.


Fahrtreppe


Kurzgeschichte


Als der würdige ältere Herr sich der Höhe, die es zu überwinden galt bewusst wurde, beschlich ihn eine unbestimmte Angst. Er meinte sie in seinem von Hand sorgfältig gebügeltem Hemd oder seiner graublauen Weste zu spüren. Beide waren ja nah an seinem Herzen. Könnte das eine Gefahr sein, etwas Böses, Unerwartetes? Er nahm die stille Frage einfach nicht an.

Dieser Blick hinunter. Und so steil. Die Abfahrt mit der Fahrtreppe. Es könnte ja sein, dass er fallen würde. Er sollte sich an dem Handlauf festhalten. Das würde ihm Sicherheit geben. Aber das hatte er noch nicht nötig. Dafür war er doch noch nicht alt genug. Es könnte eigentlich sein, dass er fallen könnte, obwohl die Treppenstufen aus geriffeltem Aluminiumguss einen stabilen Eindruck machten.

Die Stufen konnten an sich keine Unsicherheit erzeugen und waren auch nicht Schuld an der zu überwindenden Höhe.

Selbstverständlich nicht, aber sie gehörten nun einmal zu diesem Szenario in dem großen Kaufhaus.

Er betrat die Fahrtreppe mit der Selbstverständlichkeit, die einen beim Besuch eines Kaufhauses begleitet. Er war sich sicher, seine Hand nicht auf den schwarzen hartgummiartigen Handlauf legen zu müssen. Er fühlte sich sicher und ging immer gerne in dieses Kaufhaus.

Man möchte etwas einkaufen, weil es zuhause fehlt, oder man möchte etwas erwerben, was zuhause benötigt werden könnte, oder man bummelt einfach nur neugierig durch die verschiedenen Abteilungen. Man hat ja Zeit dafür. Es könnte ja sein, dass einem irgendetwas gefällt, was man dann auch haben möchte. Es soll ja nicht am Geld mangeln. Er hatte das höchste Stockwerk besucht.

Dort gibt es schon seit Jahren Bücher und Computer, Zubehör für Computer und elektrische Kleingeräte. Komisch war für ihn, dass die elektrischen Rasierapparate im untersten Geschoss angeboten wurden und nicht dort oben.

Er hatte sich vor ein paar Wochen einen neuen elektrischen Rasierer kaufen müssen, weil es für den alten Apparat keine Scherblätter mehr gab, gegeben hatte. Aber das war in diesem Moment nicht wichtig. Eigentlich könnte die Abteilungen beieinander liegen.

Auf der parallel montierten Fahrtreppe, die die Kunden aufwärts beförderte, fuhr eine ältere Dame mit einem hellen Hut ohne Krempe aufwärts. Sietrug anders als viele Damen ihres Alters keine Sonnenbrille. Sonnenbrillen sind in diesen Tagen ein unabwendbares Accessoire des modischen Menschen. Der Mann auf der ihn abwärts bewegenden Fahrtreppe trug auch keine Sonnenbrille. So schaute er der fremden Dame entgegen, sein Kopf folgte ihr.

Der Aufwärtsbewegung folgend drehte er sich leicht zur Seite und versuchte, den weiteren Weg der Dame mit seinen Blicken zu verfolgen. Die durch diesen Versuch notwendig gewordene Drehung seines Körpers führte zu einer leichten Störung seines Gleichgewichtgefühls, sodass er sich ungewollt umdrehte und festen Halt an dem Handlauf suchte, suchen musste. Er sah, wie die Treppenstufen unter dem im unteren Geschoss montierten Kamm verschwanden. Der Dame ohne Sonnenbrille konnte er nicht mehr nachschauen. Er traute sich nicht. Er starrte jetzt auf diese Zähne am unteren Ende der Fahrtreppe, dem sich nähernden Ende seiner Abwärtsfahrt, dorthin, wo die ineinander kämmenden Zähne der Plattform und die Stege der Treppenstufen ineinander glitten, wo kleine Papierröllchen auf der Stelle gegen die Fahrtrichtung der Fahrtreppe kullerten und sich das Ende der Abwärtsfahrt anbahnte.

Seine handgenähten Lederschuhe überwanden dieses Hindernis. Die ältere Dame ohne Sonnenbrille war nicht mehr zusehen, als er sich umdrehte.

Wenig später gelangte er auf den großen Platz vor dem Kaufhauseingang.

Diese Technik ist ja doch tückisch. Sagte der ältere Herr zu sich und ging langsam über den Platz vor dem Kaufhaus.

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