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Bauchweh

Geschrieben von Gert Podszun.

 


Bauchweh

 

 

Kurzgeschichte

 


 

Die Teerdecke der Heerstraße von Berlin wölbte sich mit ihren Rändern nach oben, geriet zu einer Halbschale, wollte meine Gefährt von der Seite neben den unterbrochenen weißen Linien in die Mitte drücken. Wie da noch abbiegen. Linksabbieger bitte einordnen. Wie denn einordnen, wenn die Mittellinie die Fahrbahnen nicht mehr trennt?

Ich war beruflich unterwegs. Verkaufen. Seit Jahren. Es gab für mich gar keinen Zweifel, dass ich das alles organisieren konnte. Dieses Reisen, Arbeiten, Vorbereiten von Meetings. Und auch die Protokolle. Über alles Vorherige. Protokolle, die dann nur einer liest, um zu beweisen, dass eigentlich alles ganz anders gemeint war.

Heute ist wieder einer dieser Reisetage. Über dem Wolkenbett im Flugzeug sah ich Wolkenpilze und angreifende Wolkendrachen und Klobrillen und blätterte schwitzend in der Zeitung, die kostenlos gegeben wird und dann alsbald zerknautscht in den Netzen landet.

Landung in Berlin.

Heute habe ich den Leihwagen bei der Gesellschaft gemietet, bei der die netteste Bedienung saß. Oftmals wirken die Gesichter in den Kabinen etwas muffig. Besonders montags. Sie haben grüne Hütchen auf hinter dem Tresen. An Bier nicht zu denken, obwohl ich durstig war nach dem Flug. Das Catering war auch schon einmal besser. Unter den Hütchen leuchtete zunächst Lipgloss, so nennt man einen Lippenstift, der auf den Lippen glänzt. Rot zieht das Auge augenscheinlich zuerst an. Erst dann erblickte ich unter zwei rasierten Augenbrauen und Maskara-verzierten Augenbrauen blaue Augen, von denen ich einfach annahm, dass ihre Farbe nicht gefälscht ist.

„Wie lange werden Sie den Wagen benötigen?“

„Bis ich um die dicke Litfasssäule herum bin.“

„Wenn Sie ihn zurückgeben und hier geschlossen sein sollte, können Sie den Schlüssel einfach in dieses Kästchen werfen.“

Sie hat verstanden, dass ich den Wagen wieder hier abgeben werde.

Zur Übergabe der Papiere stand sie auf und beugte sich zu mir. Ich kann mir die Frage nicht beantworten, ob sie einen Push-up-Büstenhalter trug oder nicht. Ich bevorzuge eigentlich gar keine.

Jetzt muss ich mich einordnen. Eine rote Reklametafel stürzt sich unter dem frühen Abendhimmel von der Häuserwand herunter und langt durch das geöffnete Schiebedach nach mir. Als wenn ich jetzt Durst nach klebriger brauner Brause hätte. Ich werde in Berlin übernachten. Das Hotel liegt in der Nähe der ehemaligen Grenze zwischen zwei real existierenden Gesellschaften gleicher Sprache.

Es gibt immer ähnliche Prozesse, wenn ich auf Reisen gehe. Und ich muss viel reisen. Aus beruflichen Gründen. Verkauf. Sie wissen schon.

Also, ich mache prinzipiell alles selbst: Terminvereinbarungen, Reiseplanung, Buchung von Flug und Auto. Pünktlich stehe ich dann immer vor dem Büro des Kunden. In vielen Ländern. Morgen muss ich nach Rostock. Hansestadt. Mühlendamm.

Ich folge dem Navigator durch die Stadt. Früher habe ich einen Blick auf den Stadtplan geworfen, die grobe Richtung bestimmt und bin neugierig losgefahren. Da gab es noch die Mauer.

Der Leihwagen steht geschlossen in der Hotelgarage, mein Gepäck ist im Hotelzimmer abgestellt. Ich habe mich „frisch gemacht“ und werde noch ein wenig bummeln. „Frisch machen“ sagte auch immer der Ausbildungsunteroffizier während der Grundausbildung bei der Bundeswehr, wenn er uns durch das Gelände scheuchte. Auf der anderen Seite der Mauer war es bestimmt ähnlich.

Einen Platz, auf dem ich vor etwa einem Jahr abends in der Sonne saß, erkenne ich wieder. Ein Mann sitzt auf dem Trottoir. An die noch warme Hauswand gelehnt. Er hält einen Plastikbecher zwischen verschmutzten Fingern. Neben ihm liegt eine voll gestopfte Plastiktüte.

Die Bedienung ist freundlich. Sie sächselt. Sie trägt die Uniform des Hauses. Getränk und Essen schmecken. Ich bin zufrieden.

Ein weißes lang gestrecktes Auto (Car stretched) fährt langsam vorbei. Ein Brautpaar winkt von drinnen. Wie Zirkus. Eine kostenlose Vorführung. Manche klatschen. Zum Lesen der Zeitung ist es schön zu dunkel. Ich werde noch ein wenig sitzen bleiben, etwas trinken und meinen Sinnen Freiheit gewähren.

Babylonische Stimmen. Oben fallen die Lichter der Werbung über uns her. Das Aroma des Weines wird aufsteigend mit Kohlenstoffdioxid geschwängert. Die nicht durch Kleidung abgedeckte Haut wird mit Feinstaub angereichert. Meine Zunge streift unbewusst vielleicht selbstschützend den Feinstaubanteil von den Lippen ab. Die unter dem grünen Hütchen hatte glänzende Lippen. Manche Frauen an den Nachbartischen schminken sich die Lippen nach, nachdem sie Spuren von ihnen auf den Rändern der benutzten Gläser zurückgelassen haben.

In den Bädern dieser Drei-Millionen-Stadt lagern Lippenstifte. Für jede neue Mode einer. Und in den Handtaschen. Und anderswo, in Taxen, in Handschuhfächern, in Mülleimern. Alle hatten oder haben nur den einen Zweck: einen Mund mit einer uneigenen Farbe zu versehen. Es gibt auch Männer, die die eigene Lippenfarbe verändern. Das soll attraktiv machen. Anziehend. Wie ein Magnet. Und dann schaut man in die Augen und auf den Busen.

Berlin ist auch attraktiv. Sagt das Stadtmarketing. Welche Farbe würden Berlins Lippen tragen? Ich möchte jetzt die Farbe der Berliner Lippen sehen und die Wärme dieser Lippen spüren, in die Augen eintauchen und mich am städtischen Busen erfreuen.

Das Grau des Alltagsgesichtes dieser Stadt wird in die Untergangsfarbe des im Westen schwindenden Sonnenlichtes eingetaucht. Rhythmisch setzen Ampeln ein kräftigeres Rot in das Gesicht der Stadt. Die dunkelgrauen Straßendecken legen mit zunehmendem Sonnenuntergang schwarzes Maskara an und heben dies in den Kronen der straßenrahmenden Bäume, die nach und nach ihr Grün aufgeben müssen. Die Stadt atmet schwer.

In den Bienenstockhäusern wie in den Villen entlang der breiten Alleen wabert Atem wortloser Einsamkeit neben den spitzen Schreien kurzer Lust. Letzte Atemzüge sinken in die wärmespeichernden Häuserzeilen, zwischen die alten Baumgruppen in den Parkflächen, unter die Gleise der ratternden Metrowagen. Hoffnung steigt auf wie der erste Strahl der die Wolkendecke durchbrechenden Sonne. Davon steht dann auch etwas in den Nachrichtenblättern, welche in der großen Stadt auch zur Nacht verteilt werden. Und von der jungen Frau, die sie heute Morgen aus der Toilette des großen Kaufhauses getragen haben. Weggespritzt von den asphaltierten Wegen und der durchgesessenen Couch fernab elterlicher Fürsorge. Und von der Verfügbarkeit.

Ihr Großmaul reißt die Stadt auf und protzt mit Kubikkilometern von bewältigtem Unrat, prahlt mit den Investitionen zeitlich begrenzten Engagements von global wirtschaftenden Konzernen, preist sich mir den Sopranstimmen gastierender Opernsänger für ein paar buntere Nächte, proklamiert die Rettung der obdachlosen Fixer, provoziert weitere Zuwanderungen von Arbeit- und Hilfe-Suchenden und pumpt sich Kapital für die nächste Legislaturperiode.

Stille wohnt in der Stadt. Sie sitzt in der Haut des alten Mannes. Dessen Zorn sitzt hinter einer dieser vielen Hausmauern. Er hat seine Augen auf das Fensterkreuz vor sich fixiert. Er lebt seit seiner Geburt in dieser Stadt. Wurde hier gesäugt. Hat gespielt, gelernt, gearbeitet, gezeugt und ist nun alleine und gekreuzigt an einen Stuhl. Das Grau der Straßen und Häuser, der Gardinen vor dem Fensterkreuz nagen an dem Mann. Seine Stimme ist in den Lärmnebeln entwichen. Seine Augen verlieren sich in dem blühenden Grau. Er hört Stimmen in den Träumen, die Tage und Nächte begleiten. Die Zeit der Antworten ist erstickt. Die Hände greifen lahm nach Nahrung. Und die Haut atmet einen matten schleifenden Geruch aus. Der Zorn will diese Zeit nicht, die man nicht haben kann. Die einen hat. Setzt einen da oben in das graue Zimmer mit dem grauen Ausblick.

Laut kreischen die Farben der kurzberockten Tänzerinnen über die breite Straße. Lippenstiftrote Lackröcke, leichte Lässigkeit tanzt in die Zeit der Stadt. Ein Wimpernschlag aus Glück fährt durch den Leib des jungen Weibes und fällt zwischen torkelnden Plastikfetzen in die Abflussrinne neben dem Trottoir.

Es kreißt und modert, lockt und vertreibt, leuchtet und blendet in der Stadt. Aus den Flugzeugen, Bahnen, U-Bahn-Schächten und der Kanalisation, von den Türmen der Gotteshäuser fallen Nachrichten in die Straßenschluchten auf die Treibenden und Getriebenen. Mehr steht da, noch mehr. Und nicht immer genau hinsehen. Lieber auf die Karte des Restaurants. Diese halte ich in der Hand und entscheide mich für ein letztes Glas Rotwein.

Ich werde dann zum Hotel gehen und den grauen Bettler und seine Bündel nicht beachten. Die Stadt hat irgendwo ein Bett für ihn.

Ich denke an das Ziel von morgen.

 

Die kurzen Träume ähneln einem Abreißkalender. Aus den hohen Hallen der Fabrik dröhnen die Maschinen nach Aufträgen, der Bildschirm des Computers zeigt Handlungsbedarf, die Heckleuchten der Fahrzeuge auf der nächtlichen Autobahn bilden eine Nabelschnur von einer Stadt zur nächsten, die Zufahrtstraße wölbt sich auf, bildet bald eine Röhre, über mir die Bürgersteige. Die Lichter der Häuser fallen unter mich. Das Gesicht eines wichtigen Kunden schwebt vor mir wie ein Luftballon und verbindet sich mit dem dunkler werdenden Grün der Alleebäume. Blitze zischen aus den Zweigen und erleuchten knallrote Münder am Straßenrand. Riesige Müllautos schlucken den Straßenzug und ich fliege mit in ein abstürzendes Dunkel.

 

Zum Frühstück nehme ich die Akte des Kunden aus Rostock mit und blättere sie neben dem Kaffee durch. Die Träume habe ich weg geschoben und konzentriere mich auf meine Aufgabe. Planmäßig starte ich den Leihwagen in der Tiefgarage. Schnell werde ich in ihm ein Teil dieser Blechschlange, die sich durch die Strassen von Berlin zieht. Ich folge dem Plan es Navigators wie immer. Sicher finde ich die richtige Autobahnauffahrt. Nach etwa zwanzig Minuten sehe ich schon das Hinweisschild zur Autobahn nach Rostock.

Ich habe mich richtig eingeordnet, kurz mit der Firma telephoniert, damit man weiß, dass alles plangemäß läuft. Wenn es keine besonders großen Unfälle auf der Strecke geben wird, werde ich pünktlich beim Kunden sein.

Vor mir öffnet sich ein Tunnel auf dem Autobahnzubringer. Mit Richtgeschwindigkeit fahre ich hinein.

Es fährt mich. Nie und nimmer könnte ich aussteigen. Die beplankte Straße lenkt mich. Ich bin in einer Kette, gezogen, kenne deren Anfang nicht. Eine Autokette, von der ein Glied schon in Rostock ist und ein anderes aus den Räderwerken Berlins herausgleitet. Oder geschoben ist. Oder ausgestoßen, weil das Gesicht von gestern nicht mehr gebraucht wird. Es gibt genug. Bis auf die auf den Litfasssäulen, den Leinwänden, den Reklametafeln, den großen Bühnen, in den Stadien. Die werden digitalisiert und gezoomt und gedruckt und gesendet. Bis sie von der einen Stadt in die nächste gespuckt werden und irgendwann nicht mehr nach ihnen gefragt wird.

Ob das Hütchen sich an mich erinnern wird?

Morgen werde ich den Leihwagen zurückgeben.

 

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